Reiseführer MeckPomm

Der Tag des Hühnermordes oder Neue Leute holt das Land – 9/12


Ein Text von Michael Joseph für das Buch “Land fürs Leben. 20 Geschichten aus 20 Jahren Mecklenburg-Vorpommern“, herausgegeben von Eva Maria Buchholz und Peter Kranz beim Hinstorff Verlag


 

Ich saß inzwischen unter einem Apfelbaum und schaukelte, als Nachbarin Uschi vor die Tür trat: „Du, Lütten, lauf doch man rüber zu mir ins Haus. Auf ‘m Tisch is ‘n Büdel mit Heften und ‘ne Buddel mit Beerenwien muss daneben stahn. Säch ma, weißt Du eigentlich wo min Jung Johann steckt, der Satansbraten?“
Ich schüttelte den Kopf und rannte rüber zum Nachbarhaus. In den Regalen standen reihenweise angestaubte Einweckgläser mit Pflaumen, Birnen und Stachelbeeren. Im Dorf machte man Johannesbeerwein in großen Ballons, den man untereinander gern wie eine Visitenkarte tauschte. Auf dem Tisch stand eine Flasche. Ich griff sie und legte sie in den Beutel mit abgegriffenen Taschenbüchern: knutschenden Paare vor feuerrotem Sonnenuntergang.
Edith teilte ihre Leidenschaft für Dreigroschenromane aus dem Westen mit vielen Dorfbewohnern. Die in der DDR verbotenen Heftchen wurden umhergereicht wie heilige Schriften. Edith besaß einen ganzen Stapel, der ständig seinen Besitzer wechselte. Unklar woher sie diese Bücher hatte. Aus Westpaketen konnten sie nicht stammen, denn die wurden regelmäßig gefilzt und um die so genannte Schund- und Schmutzliteratur erleichtert. Ein weiteres Geheimnis, das sie selbst nach der Wende zu ihrem Vergnügen oder aus lauter Gewohnheit nicht preisgeben wollte. Wer weiß, vielleicht füllte ihr Schwiegersohn die Bestände an verbotenen Romanen und Bohnenkaffee auf? Als Seefahrer war er in der ganzen Welt unterwegs.
Ich brachte die „heiße Ware“ zu den Tantchen und Edith, die nun Äpfel schälte. Zwei Mädels waren vorbeigekommen. Die gingen schon zur Schule. Sie brachten meiner Tante einen Strauß weißen Flieder vorbei. Einfach so. Mädchen sind irgendwie doof. Warum machen die so etwas?
Heute weiß ich, dass meine Tante nicht nur bei mir beliebt war, sondern auch, dass die Kinder des ganzen Ortes sie liebten. Sie steckte ihnen immer Kleinigkeiten zu. Darüber hinaus hatte sie etwas Magisches und für die Kleinen Anziehendes an sich. Meine Eltern berichteten mir, dass ich mit vier Jahren, das Großmütterchen, das in der Flimmerstunde im Fernsehen die hölzernen Fensterläden aufmachte, um einen Märchenfilm anzukündigen, immer für Frau Holle oder Tante Edith hielt.
Und so war es bei Edith ein Kommen und Gehen. Mal schauten ein paar Kinder vorbei, dann mal wieder Nachbarn. Sie brachten Eier, weil Edith Besuch aus der Stadt bekommen hatte und ihnen gern etwas Frisches vom Land mitgab. Ein anderes Mal kam einfach nur jemand entlang, um zu schnattern und nach dem Rechten zu sehen.


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Kategorien: Hühnermord


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