Reiseführer MeckPomm

Der Tag des Hühnermordes oder Neue Leute holt das Land – 12/12


Ein Text von Michael Joseph für das Buch “Land fürs Leben. 20 Geschichten aus 20 Jahren Mecklenburg-Vorpommern“, herausgegeben von Eva Maria Buchholz und Peter Kranz beim Hinstorff Verlag


 

Nur wenige Monate später kam wirklich ein förmliches Schreiben, von einer neuen Behörde. Niemand nahm nun die Sonnenbrille ab. Und es war auch keiner da, den Edith vom Hof jagen konnte. Nur das Stück Papier.
Erneut musste sie in ihrem Leben vieles zurück lassen, einen Neuanfang wagen. Für das Haus bekam sie eine lächerliche Entschädigung: ein paar tausend D-Mark für die Arbeit und die Erinnerungen eines Lebens.
Sie zog nach Rostock, in die Nähe ihrer Tochter und Ärzte. Dort fand sie eine kleine Wohnung in einer Anlage, in der Senioren betreut werden. Frauengefängnis nannte sie das. Sie bekam ein Telefon, mit dem sie ihre Familie jederzeit erreichen kann. Früher bekam sie Post und schrieb täglich Briefe. Einen Großteil sandte sie an ihre Tochter mit Besorgungslisten.
Sie wohnte nun direkt vor einer Bushaltestelle. Dort halten Fahrzeuge mit hydraulisch absenkbaren Türen, damit die Passagiere leichter ein- und aussteigen können. Sie erinnerte sich noch an die Zeiten, da bestach sie den Busfahrer mit Eiern, damit er ihre asthmakranke Mutter in Stralsund in der Nähe des Arztes heraus ließ.
Ein Supermarkt befand sich nun zwei Minuten Fußweg von ihrer Wohnung entfernt. Dort kann man alles kaufen. Mit den Tantchen fuhr sie ab und an im Milchauto nach Barth, um einige Besorgungen zu machen, ohne zu wissen, wann und wie die Rückreise wird.
Sie hatte Mühe, trotz aller Annehmlichkeiten. Ihre Familie sorgte sich, ob sie sich hier zurecht finden würde. Es verging ein Jahr, an dessen Ende sie ihre Cousine in Westdeutschland besuchte. Die erste Reise seit langem. Als sie mit dem Zug zurückkehrte und sie von ihrem Enkel, ihrer Tochter, meinem Vater, also ihrem Bruder, und mir an ihrer neuen Wohnung überrascht wurde, schien sich etwas geändert zu haben. Zum ersten Mal grinste sie verschmitzt und meckerte schon auf dem Flur laut los: „Wat wollen die denn schon wieder hier? Habt ihr kein zu Hause?“
Am Nachmittag, als wir bei tiefschwarzem Kaffee zusammen saßen, klopfte es: Elsa, Hedwig und Elsbeth stehen in Schürzen mit Torte in der Tür und freuen sich wie die Sternensinger.
Neue Nachbarn! Neue Tantchen! Willkommen zu Hause!


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Kategorien: Hühnermord


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