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Der Tag des Hühnermordes oder Neue Leute holt das Land – 1/12


Ein Text von Michael Joseph für das Buch “Land fürs Leben. 20 Geschichten aus 20 Jahren Mecklenburg-Vorpommern“, herausgegeben von Eva Maria Buchholz und Peter Kranz beim Hinstorff Verlag


 

1979. Irgendwo im heutigen Vorpommern.
Ich riss die Augen auf; Johann konzentrierte sich, seine Zunge zwängte sich zwischen die schiefen Zähne. Ich starrte auf diese mächtige Hand, starrte und befühlte meine Gurgel. Die Hand packte den Hals dicht unter dem Kopf … Johann drückte kurz und fest zu, kein Laut mehr, nur noch wenig Flattern. Er griff das Huhn an den Füßen, hob es – nach einer schwungvollen Drehung – so hoch, dass der Kopf vor dem Hauklotz baumelte und nahm das Beil. Ein kurzes, dumpfes Geräusch: ein letztes schlappes Zucken, weit aufgerissener Schnabel, glotzende Augen – stumm und leer am Boden. Ganz anders der Rumpf: Fröhlich, ja fast übermütig rannte er über den Hof im Zickzackkurs, stolperte, überschlug sich, hüpfte in die Höhe, lief weiter, sprang wieder. Entladungen der in Todesangst verkrampften Hühnermuskulatur. Befreundete Gänse und Hennen stoben auseinander, als der gefiederte Ball auf sie zukam. Dann ein Knall gegen die Stalltür und letzte Zuckungen.
Mein Blick wanderte von dem blutenden leblosen Bündel zurück zu Johanns Hand, zurück zum abgeschlagenen Kopf. Wie alt mochte das Huhn gewesen sein? Wie ich 6 Jahre?
„So is dat“, kommentierte Johann, als er sich aufrichtete und zum Stall hinüber schlenderte. Wie einen heruntergefallenen Fahrschein sammelte er den entflohenen Teil des Huhnes wieder ein. „Nu noch rupfen, ausnehm’ un fertich.“ Stolz hielt er es meinem neben mir stehenden älteren Bruder vor die Nase. Ich beobachtete Peter, als er das Federvieh mit einem gewissen Respekt musterte, und meinte, außerdem eine Spur Ekel in seinem Gesicht zu erkennen. So wuchs auch mein Unbehagen. Johann genoss unsere Ehrfurcht. Er agierte bei allem so kühn und selbstverständlich …

 

Peter und ich wuchsen in der Großstadt auf, im Neubau. Dort gab es allenfalls ein paar Spatzen und im Sommer Kreuzspinnen, die ich mit meinem Kindergartenkumpel im Einweckglas sammelte. Ich pustete weder Frösche mit der Luftpumpe auf, noch schoss ich mit einem Luftgewehr auf streunende Katzen, wie es Gleichaltrige vom Dorf vielleicht taten.


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Kategorien: Hühnermord


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  9. [...] Schulter, umgearbeitet als Tasche und nannten ihn – nicht ohne Stolz – Pennerbeutel. 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 Kategorien: [...]

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