Reiseführer MeckPomm

Der Tag des Hühnermordes oder Neue Leute holt das Land – 11/12


Ein Text von Michael Joseph für das Buch “Land fürs Leben. 20 Geschichten aus 20 Jahren Mecklenburg-Vorpommern“, herausgegeben von Eva Maria Buchholz und Peter Kranz beim Hinstorff Verlag


 

Es war die Zeit, als überall dynamische Unternehmer aus dem Westen in die Neuen Bundesländer kamen und ihre marktwirtschaftlichen Erfahrungen nutzen wollten. Sie machten Geschäfte mit der Naivität und dem Nachholbedarf der neuen Mecklenburger und Vorpommern: Einige verkauften ihre tollen Grundstücke zu lachhaften Preisen. Andere fürchteten um ihre Häuser, weil ehemalige Eigentümer sich zurück meldeten und nach vier Jahrzehnten Ansprüche geltend machen wollten.
Peter und ich hatten uns in Schlips und Kragen geworfen, trugen schwarze Sonnenbrillen auf der Nase und Aktentaschen in der Hand. So verkleidet gingen wir die Dorfstraße hinab, vorbei am Gutshaus und den alten Bauernkaten, geradewegs in Richtung Ediths Haus. Zwei Männer in dunklen Anzügen gehörten nicht gerade zu den alltäglichen Passanten im Ort, und so bemerkten wir, wie sich Köpfe drehten und Vorhänge beiseite geschoben wurden. Tante Edith stand im Garten mit einer Hacke in der Hand. Wie immer trug sie Kittelschürze und Holzsandalen, wie immer ohne Strümpfe, mit nackten, scheinbar erfrierenden Beinen.
Stets begrüßte sie Besuch schon aus der Ferne mit ihrem unnachahmlichen Schimpfton: „Ohhh, da komm’ die schon wedder angeschissen?!“ Das „die“ zog sie dabei maximal möglich in die Länge, meckerte irgendwas vor sich hin, egal ob ihr Bruder oder ihre Tochter sie besuchte, und ging scheinbar unbeeindruckt von den nahenden Gästen der Arbeit nach. Natürlich war sie eigentlich sehr glücklich darüber. Ihre Lieben störten sie nie, aber ihr für die Region typischer Humor verbot all zu offenkundige Freude.
Diesmal aber blieb die Meckerei aus. Mit ihren 70 Jahren und unter der Maskerade erkannte sie ihre Neffen nicht: Sie schaute uns auch skeptisch an, als wir direkt vor ihrem Tor stehen blieben. Wir grüßten förmlich- freundlich und stellten uns als die Anwälte des ehemaligen Großgrundbesitzers vor. Unserer Tante blieb zum ersten Mal in meiner Anwesenheit der Mund offen stehen. Kein Wort. Mein Bruder zog ein Schreiben aus der Aktentasche, in dem sie informiert wurde, dass ein Rückführungsverfahren des alten Junkers angestrengt wurde und dass wir als seine Anwälte gekommen wären, um seine rechtmäßigen Besitztümer in Augenschein zu nehmen und zu vermessen. Ich holte einen Zollstock hervor und begann, den Hof der Länge nach abzuschreiten. Noch immer hatte Edith nicht die geringste Ahnung, dass ihre Verwandtschaft sich gerade einen üblen Scherz mit ihr erlaubte. Sie griff nach dem Schreiben und ging wortlos ins Haus. Nach wenigen Sekunden jedoch flog die Tür auf. Einen Strohbesen statt des Briefes drohend gegen uns erhoben, schrie sie: „Macht, dass ihr von meinem Hof kommt, ihr Ganoven! Ick will euch wat vertrecken!“
Die Taschen vor unseren Köpfen, ergriffen wir die Flucht und riefen: „Tante, Tante, du willst doch nicht deine eigenen Neffen erschlagen?“ Wir nahmen die Brillen ab und lockerten die Krawatten. Als sie uns erkannte, bekam sie einen Lachanfall. Es dauerte nicht lange, da waren auch die Tantchen zur Stelle. Bei schwarzem Kaffee und Streuselkuchen feierten wir in der Küche den ersten 1. April des Landes Mecklenburg-Vorpommern.


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Kategorien: Hühnermord


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